Impuls zum
13. Sonntag nach Trinitatis
3. Teil

Manchmal führt uns eine Herausforderung mitten hinein in die Not eines anderen –
und genau dort stellt sich die Frage: Wer ist mein Nächster.

Christus spricht: Was ihr getan habt
einem von diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan.
(Matthäus 25,40b)

Erwachsene Hand hält Babyhand, darüber ein zartes Herz; Text aus Matthäus 25,40 über Liebe und Dienst am Nächsten.

Wer ist mein Nächster?

„Herr, wer ist (wirklich) mein Nächster?“

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter

Da antwortete Jesus und sprach:
Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.
(Lukas 10,30-35)

Zwischen Jerusalem und Jericho – Irgendwer – irgendwo

Der kranke Nachbar in unserem Ort, der Bettler an der Straßenecke, ein Bruder irgendwo auf dieser Welt – und mit diesem Menschen geschieht etwas. Sein Leben gerät aus den Fugen.

In unserem Gleichnis heißt es „Ein Mensch, der ging von Jerusalem HINAB nach Jericho und fiel unter die Räuber“ (Lukas 10,30a)

Stellen wir uns diese Schilderung bildlich und im übertragenen Sinne vor:

Jerusalem – schon zu Zeiten Jesu eine Metropole, 750 m über dem Meer, mit einem imposanten Tempel. Hier steppt der Bär – das Leben pulsiert.
Ein Zentrum des Glaubens, eine Pilgerstätte, die Menschen aus aller Welt anzog.

Jericho dagegen – eine kleine, alte Stadt am Rand des gelobten Landes, 250 m unter dem Meer, mehr tiefst gelegene Ort der Welt. Das alte Jericho zerstört, das Neue erst im Aufbau. Dort begegnen uns Bettlern, Kranke, einfachen Menschen. Hier steppt höchstens noch die Wüstenmaus. Harte Arbeit, Krankheit und Leid prägen das Bild.

Jesus führt uns bewusst in diese Begebenheit hinein. Es geht nicht nur um den geografischen Abstieg von Jerusalem nach Jericho, sondern auch um den inneren Absturz eines Menschen, der alles verloren hat – zerschlagen, verletzt, am Rand seiner Existenz.

Jerusalem vs. Jericho
Glamour, Glanz und Goria vs. Kummer, Sorge und Not.

Ein Mensch in seiner größten Not

Und dann: Räuber … „[…] und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.“ (Lukas 10,30b)

In seiner Not schafft es dieser Mensch, der bereits so viel erlitten hat, nicht mehr bis nach Jericho, wo ihn vielleicht jemand hätte aufnehmen (auffangen) können. Er bricht zusammen – mitten auf dem Weg.

Wir wissen nicht, wie sein Leben vorher war. Jesus sagt uns nicht, wie der Mann heißt, wer seine Familie ist oder warum er sich auf den Weg nach Jericho begeben hat.
Und genau das ist die Botschaft: Es ist egal, ob er reich war oder arm, ob er Einfluss hatte oder gefallen war, ob er sich von Gott entfernt hatte oder nicht.  Für Jesus zählt nur der Mensch – hier und jetzt. Alles andere sind Nebensächlichkeiten, die undnicht interessieren sollten.

Während wir oft auf Äußerlichkeiten und Umstände schauen, blickt Jesus in die Situation hinein. Er fragt uns: Warum interessiert euch das „Wie“? Ändert es etwas an der Not dieses Menschen oder wie wir darauf reagieren?

Hier steht ein Mensch auf dem Spiel, sein Glaube steht auf dem Spiel – und damit Gott selbst.

Zwischen Jerusalem und Jericho stehen wir im Nirgendwo. Wir sehen einen wildfremden Menschen in seiner größten Not – einen Menschen, der alles verloren hat.

Vielleicht sollten wir die Worte „mein Nächster“ doch wörtlicher nehmen. Sind es vielleicht all die Menschen, die gerade in unserer Nähe sind?

Und wer begegnet diesem Halbtoten?

Gottes „höchster“ Diener – Rang gleich Glaube?

Als erstes kommt ein Priester.
Ein hochgelehrter Mann Gottes, vertraut mit der Tora, den Geboten und Weisungen. Ein Vorbild – sollte man meinen.

Ein Priester hatte damals einen hohen Stellenwert. Er durfte die Heiligen Orte betreten, brachte Opfer dar und er half den Menschen, Gott zu begegnen. Ein Mittler zwischen Gott und Mensch.

Doch Priester mussten strenge Reinheitsgebote einhalten. Vielleicht war genau das seine Ausrede: Er durfte sich nicht verunreinigen.
Ein wildfremder, halbtoter Mensch – wer weiß, ob er überhaupt Jude war. Sich dafür unrein zu machen? Weit gefehlt.

Der Priester sieht diesen hilflosen Menschen – aber sein Herz bleibt außen vor. Er tut seinen Dienst, doch seine Sicht auf Gottes Gebote lässt ihn vorbeigehen.

Nicht seine Welt!
Und wir möchten ihn fragen: „Hat Gott nicht auch dir Barmherzigkeit gelehrt?“

Christus spricht:
Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten,
das habt ihr mir auch nicht getan.
(Matthäus 25,45)

Ein „angestellter“ Diener – Beruf gleich Berufung?

Als zweites kommt ein Levit vorbei.
Der Stamm der Leviten war seit Mose von Gott auserwählt, Ihm zu dienen. Sie hatten zwar nicht die hohe Stellung eines Priesters, doch waren sie verantwortlich für den Tempel, die Gottesdienst und Opferfeste. Auch sie waren Diener Gottes – Menschen mit besonderer Nähe zu ihm.

Man könnte meinen: Wenn jemand hilft, dann doch der Levit.

Doch auch hier – weit gefehlt. Auch beim Leviten geht Vorschrift vor Herz. Vielleicht schwingt auch Angst mit: Angst, selbst unter die Räuber zu geraten, Angst alles zu verlieren, was er sich aufgebaut hat.

Ein einfacher, fremder Mensch. Kein Ansehen, kein Jerusalem, kein Vorteil. Was hätte er davon?

Was, wenn die „Räuber“ wiederkommen? Was, wenn er sich verunreinigt? Was, wenn man ihn mit einem heruntergekommenen Menschen sieht.

Ein kleiner Moment des Herzens könnte ihn teuer zu stehen kommen. Keine Win-Win Situation.

Der Levit sieht diesen halbtoten Menschen – und geht vorüber.

Nicht seine Welt!

Gott fern. Und doch Nahe?

Der dritte im Bunde ist ein Samariter.
Samariter und Juden waren damals alles andere als Freunde. Begegnungen konnten schnell eskalieren. Nähe war nicht zu erwarten.

Und doch geschieht etwas Unerwartetes: Der Samariter kümmert sich um diesen fremden Mann – ohne zu fragen, wer er ist oder was er war.

Mehr noch: Er sorgt dafür, dass dieser zerschlagene Mensch auch die kommende Zeit übersteht. Er bringt ihn in Sicherheit und organisiert Versorgung und Pflege, damit er wieder zu Kräften kommt. Er sieht nicht auf Herkunft oder Geschichte – er sieht die Not und handelt. Er gibt ihm eine Chance weiterzuleben. Ohne Gegenleistung. Ohne Bedingungen. Ohne Versichertenkarte.

Er tut einfach.

Wer wurde zum Nächsten?

Und nun fragt Jesus uns:

Wer von diesen dreien, meinst du,
ist der Nächste geworden dem,
der unter die Räuber gefallen war?
(Lukas 10,36)

Christus spricht: Was ihr getan habt
einem von diesen meinen geringsten Brüdern,
das habt ihr mir getan.
(Matthäus 25,40b)

Dieser Samariter – ein Fremder, vielleicht sogar ein Feind  – wird zum Nächsten.

Freund oder Feind? Fremd oder Nah?

Der halbtote Fremde auf der Straße liegt nicht auf Augenhöhe mit einem Samariter, einem Leviten und schon gar nicht mit einem Priester. Er ist gering in ihren Augen. Doch ist er es auch in ihren Herzen?

Priester und Levit lassen sich von Stellung, Ansehen und Ruf leiten. Verstand vor Herz.

Der barmherzige Samariter dagegen legt seinen Verstand ab und lässt sein Herz sprechen. Er sieht nicht sich und seine Kosten – er sieht die Not.

Herz vor Verstand

Drei Menschen begegnen der Barmherzigkeit Gottes. Zwei gehen vorbei, geleitet vom Kopf statt vom Herzen. Zwei gottesfürchtige Männer – deren Herzen doch nicht ungeteilt auf Gott schauen.

Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen,
und verlass dich nicht auf deinen Verstand,
sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen,
so wird er dich recht führen. Dünke dich nicht, weise zu sein,
sondern fürchte den HERRN und weiche vom Bösen.
(Sprüche 3,5-7)

Es ist nicht die strikte Einhaltung von Geboten, die uns zu Gott führt – schon gar nicht, wenn sie weltlichen Maßstäben angepasst werden. Es ist allein unsere Herzenshaltung – ein Herz, in dem der Herzschlag Jesu schlägt, in dem Gottes Leben pulsiert und das durch alle Äußerlichkeiten hindurchschaut.

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben
(Johannes 14,6a)

Gott nah und doch fern

Wir sehen oft nur, was wir sehen wollen. Und wir tun oft nur, was wir tun wollen.

»Dies Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir;
vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren,
die nichts als Menschengebote sind.«
(Matthäus 15,8-9)

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen,
von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt […]
(Lukas 10,27)

Das höchste Gebot

Viele treue Gottes-Diener – damals wie heute – geben ihr Bestes. Sie ehren Gott, sie lieben ihn, sie halten Gebote und Weisungen. Doch dabei vergessen sie oft das Wichtigste:

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das:
»Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele,
von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft«
Das andre ist dies:
»Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst«
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
(Markus 12,29-31)

Wir vergessen das Wichtigste: die Liebe!

Nicht nur die Liebe zu Gott, sondern auch die Liebe zu unseren Mitmenschen!

Du sollst deinen nächsten Lieben, wie dich selbst.
(Markus 12,31)

Wie dich selbst!

„Tu das, so wirst du leben.“ (Lukas 10,28b)

AMEN

Natürlich gehen unsere Gedanken zum „Nächsten“ noch ein bisschen weiter. Hier kommst du zur Fortsetzung …

Nach oben scrollen